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Haare lassen

Erstellt von Petra Benz, Gemeindereferentin | |   Impulse

Wer Jesu Nachfolge lebt, muss es nicht an die große Glocke hängen! Wichtig ist doch nur, dass wir uns vor dem, was um uns herum geschieht, nicht verschließen und handelnd werden.

Vor einigen Wochen war ich bei meiner Frisörin. Endlich. Nachdem mein Termin im März ausgefallen war, sah ich wirklich sehr ungewohnt aus. Und irgendwie habe ich mich mit meiner Langhaarfrisur auch nicht so richtig wohl gefühlt. Ganz zu Schweigen von der Zeit, die man am Morgen für das Föhnen der Haare brauchte.
Im Salon lief alles gut – ungewohnt war nur der Mundschutz. Ich habe an diesem Nachmittag so richtig viele Haare gelassen! Und zufrieden bin ich weitergezogen.
Was mich nach meinem Frisörbesuch aber sehr lange noch begleitet hat, war das Gespräch mit der Frisörin, die mir von ihrem „Haare lassen“ in den letzten Monaten berichtete.
Da ihr Salon so klein ist, können derzeit nur zwei von vier Mitarbeiterinnen arbeiten. Und statt der bis zu vier Kunden dürfen nur gleichzeitig zwei weitere Kunden im Laden sein. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Anzahl ihrer Kunden, die sie täglich bedient. Während eine Kundin eine Tönung, Färbung oder sonstiges Aufwendige innerhalb von 2,5 h erhielt, konnte sie vor Corona drei bis vier weitere Personen mit normalen Haarschnitten bedienen. Jetzt ist das nicht mehr erlaubt.
Mein „Haare lassen“ in Zeiten von Corona unterscheidet sich also erheblich vom „Haare lassen“ meiner Frisörin. Während ich als Angestellte ein geregeltes Einkommen ohne Einbußen habe, verdient sie lediglich noch ca. 40% dessen, was sie vorher verdient hat, obwohl sie wesentlich länger arbeitet.
Dass diese Corona-Pandemie jeden in unterschiedlicher Weise betrifft, ist, so denke ich, jedem klar, dennoch ist es wichtig, sich dies immer wieder bewusst zu machen und sensibel für diese Unterschiede zu werden.
Im heutigen Evangelium sind wir dazu aufgerufen, Jesus bedingungslos nachzufolgen.
„Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.“ Mt 10, 38
Wir sollen die Not der anderen sehen und uns ihnen annehmen:
„Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ Mt 10, 42
Und jetzt können wir uns überlegen, was dieser Aufruf für uns heute heißt in einer Zeit, in der die Schere in unserer Gesellschaft in den Bereichen Finanzen, Bildung, Chancengleichheit und Generationengerechtigkeit immer weiter auseinandergeht. Wie kann ich Jesus nachfolgen, wenn ich sehe, dass manche Familien in meinem Umfeld mit den Anforderungen des Homeschooling völlig überfordert sind? Oder wie kann ich unterstützen, wenn die Betreuungszeiten von kleinen Kindern nicht abgedeckt sind, weil die Eltern arbeiten müssen. …
In den letzten Wochen und Monaten ist in Bezug auf die Nachfolge Jesu um mich herum sehr viel passiert: es sind Einkaufspartnerschaften entstanden, Telefonketten zu Alleinstehenden, die nicht mehr aus dem Haus können, um zu fragen, wie es so geht, es werden Hilfs- und Betreuungsdienste angeboten, Masken genäht, Musik vor dem Altenheim gemacht und so manche kreative Initiative, die im Verborgenen ist und auch bleiben wird. Wer Jesu Nachfolge lebt, muss es nicht an die große Glocke hängen!
Wichtig ist doch nur, dass wir uns vor dem, was um uns herum geschieht, nicht verschließen und handelnd werden. Und wenn es „nur“ im Gebet ist!

Segen
Gott segne und behüte uns.
Er halte uns fest in seiner Liebe.
Er stärke uns, damit wir einander Halt geben können.
Er lasse uns die richtigen Worte und Gesten finden,
die aufbauen und Trost schenken.
Er lasse sein Angesicht über uns leuchten.
Und schenke uns seinen Frieden.
So segne uns
und alle, die wir im Herzen tragen,
der treue und barmherzige Gott:
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.


Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus. Mt 10, 37 - 42

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln:
37Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich,
ist meiner nicht wert,
und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich,
ist meiner nicht wert.
38Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt,
ist meiner nicht wert.
39Wer das Leben findet,
wird es verlieren;
wer aber das Leben um meinetwillen verliert,
wird es finden.
40Wer euch aufnimmt,
der nimmt mich auf,
und wer mich aufnimmt,
nimmt den auf, der mich gesandt hat.
41Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist,
wird den Lohn eines Propheten erhalten.
Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist,
wird den Lohn eines Gerechten erhalten.
42Und wer einem von diesen Kleinen
auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt,
weil es ein Jünger ist –
Amen, ich sage euch:
Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.


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